Leicht - Kompakt

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06 Juli 2021 - Tag 1

Die gestrige Heimfahrt war eine sehr entspannende. Aus den Boxen ertönte ein sanftes Klavier, das alleine hat mich schon beruhigt. Zwischen den einzelnen Stücken dann das leise Tropfen von Regen auf der Scheibe, unterbrochen vom gelegentlichen Geräusch der Scheibenwischer. Der Blick in die Ferne offenbarte eine Landschaft gehült in Wolken, die Spitzen der Windräder verschwanden abwechselnd darin. Eine friedliche Stimmung überkam mich, und ich war gewillt zu glauben dass es nichts anderes gäbe. Mein sanfter Fahrstil fügte sich in die Dinge, gedanklich wurde ich eins mit der mich umgebenden Natur. Kein Schrecken, keine Gedanken an Zukunft oder all den anderen Ballast der das Herz unnötig beschwert. Das war ein schönes Erlebnis, leicht und bereichernd.

Meine Frau wird sich freuen. Heute morgen kam endlich das lang herbeigesehnte Baumaterial. Eine Tonne Lehmputz, 25qm Holzfaserdämmplatten. Bald werden wir unserem Sohn endlich ein schönes Zimmer einrichten können. Darauf freuen wir uns alle zusammen. Er musste schon lange mit den alten Tapeten seiner Schwester leben, mit den Möbeln die irgendwie nicht passen wollen und einem Boden der es uns mit seinem Gefälle nicht immer leicht gemacht hat. Das alles wird diesen Sommer anders werden. Mehr Raum, neue Farben, ein besseres Klima.
Beim Abladen hat es in Strömen geregnet, weshalb ich durch und durch nass war. Aber nicht schlimm, es ist ja nur Regen. Wir sind froh und dankbar dafür, hatten es schon anders erlebt. Dieser Sommer bringt überhaupt sehr viel Regen. Jedenfalls hat der Bauhändler sich an meine Bedingungen gehalten, und auch alles erforderliche mitgebracht. Der Fahrer war nicht froh, angesichts der engen Einfahrt. Ich habe ihn eingewiesen und binnen weniger Minuten hatte er es dann auch geschafft. Er hat zuerst doof reagiert als ich ihn bat mir kurz mit der schweren Palette zu helfen. Den Hubwagen hatte er mitgebracht, und natürlich ist es gar nicht seine Aufgabe dem Kunde zu helfen. Aber ein bisschen Freundlichkeit kann nicht schaden. "Soll ich jetzt runter steigen oder was?" *lach*, sagte er mit russischem Akzent. "Was bist du denn für ein Kollege?" Meine Antwort, und ich winke ab. Darauf hat er sich wohl besonnen. Ich habe schon recht viel Bumms in den Armen, aber eine Tonne gegen leichtes Gefälle in eine Garage ziehen schaffe auch ich nicht alleine. Sobald der Kipppunkt erreicht war kam ich alleine zurecht und er ist wieder hoch geklettert. Alles gut, danke für deine Hilfe Meister. Jedenfalls steht jetzt alles Trocken und wartet verschafft zu werden.

Seit gestern führe ich ein Tagebuch. Vor einigen Jahren hatte ich es schon einmal versucht, damals war ich aber innerlich zu sehr aufgewühlt, als dass ich die Kraft dazu gehabt hätte. Zu dieser Zeit galt es einiges zu verdauen. Wobei ich heute sagen würde, zu verdrängen. Durchzustehen. Das konnte ich schon immer gut. Egal was kommt, schlucken und weitermachen. Dabei habe ich verlernt meine innere Stimme zu deuten. Um ein Bild zu zeichnen. Wenn die Seele ein Brunnen wäre, wäre ich fast verdurstet. Der Eimer, der das Leben schöpfen soll, hat Löcher. Vom rauen Umgang, von Hass und Unsicherheit. Der Brunnen ist abgedeckt, der Eimerträger erkennt gar nicht das dort etwas ist das seinen Durst zu stillen vermag. Er schneidet sich, windet sich im Wind, schreit in die Ferne. Der Brunnen ist immer da, sanft und leise. Der Träger muss an den Punkt gelangen an dem er seinen Zorn niederlegt, seinen Vorwurf aufgibt und damit beginnt in die Stille zu lauschen. Der Wind wird nun sanfter, streicht nur noch sanft durch das Haar. Die Ferne erscheint weniger weit, und er spürt plötzlich einen kühlen Punkt ganz in seiner Nähe. Dort, unter den Trümmern seiner Vergangenheit hört er etwas. Ein Tropfen ab und an. Kühles Nass, die Hoffnung. Also fängt er an zu graben, nimmt Bruchstücke der Vergangenheit und legt sie in den Eimer, sie sollen die Löcher verschließen die er in blinder Wut geschlagen hat. Schweiß rinnt über die Wunden die zu Narben werden, mit dem Abtragen von Schutt und Asche macht sich ein seltsames Gefühl in ihm breit. Zuerst spürt er es in der Brust, dann wandert es in den Bauch. Er lächelt, weint, gräbt und gräbt und findet am Ende etwas. Eine Luke, eingelassen in den Boden. Der Wind hat gänzlich nachgelassen, aus der Ferne erklingt nun der Gesang von Vögeln und allerlei mehr. Mit aller Kraft öffnet er die Luke, nimmt den Eimer, lässt in hinab. Ganz sanft lässt er das Seil durch seine Hände gleiten. Vielmehr klammert er sich daran, aus Angst der Eimer könnte in das tiefe Dunkel fallen und verloren gehen, denn der ist inzwischen sein Freund geworden. Der Träger spürt Widerstand, der Eimer füllt sich. Langsam und sorgfältig zieht er ihn wieder zu sich hinauf. Glücklich ihn wieder zu sehen hält er ihn sanft in den Händen. Der erste Schluck vom kühlen Nass benetzt seine Kehle, befeuchtet seine Lippen, seinen Hals. Wie dumm bin ich gewesen zu glauben, ich könnte die Welt mit Hass bändigen? Ich bin nur ein winzig kleiner Teil von ihr. Sie hat mich ausgehalten, mit Liebe und Geduld. Nun stehe ich hier, ich dummer kleiner Mensch, und trage den größten Schatz auf Erden in den Händen.

Inzwischen ist der Träger zum Wanderer geworden und auch schon weit gekommen. Ich wünschte ich hätte schönere Worte gefunden um das alles irgendwie passender, gehaltvoller zu umschreiben. Dennoch fühlt es sich gut an, und mehr muss es auch nicht.

Mir rennt die Zeit davon. Später mehr.

Update vom 07.07.2021

Die Reaktion meiner Frau auf meinen Tagebuch Text kam genau so wie ich sie erwartet hatte. Wir saßen gestern Abend noch auf der Couch, sie hat natürlich den passenden Moment abgewartet, als sie anfing lauthals zu lachen und meinte:"... das geht dann wie bei dir und deinem Eimer." Ich grinste schon. Mir muss keiner mehr meine Frau erklären, und ich wusste was als nächstes kommt. "Ich musste zweimal lesen, weil ich so einen Quark noch nicht gesehen habe." Hu hu hu, hi hi hi. Sie meint es natürlich nicht böse. Fies, richtig fies. :D

Nein, das geht natürlich voll in Ordnung. Als ich den Text später ein weiteres Mal gelesen hatte, weniger geladen mit Emotionen, sah ich auch dass ich da ganz schön tief in die Kiste gegriffen habe. Das ist aber nicht schlimm, und auch meine Frau kann damit gut leben. So gibt es halt wieder was zu lachen, ist doch schön. Der Text birgt trotzdem einen großen Schluck Wahrheit in sich. Auch wenn er an zwei drei Ecken hinkt, ich würde ihn in dieser Art wieder verfassen. Warum auch nicht? Man sollte sich nie scheuen seine Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen. Schließlich handelt es sich dabei nur um einen winzig kleinen Ausschnitt einer ganzen Persönlichkeit. Es macht Frei wenn man sagt was man denkt und zu seinen Gefühlen steht. Das lasse ich mir nicht nehmen. Klar beurteilen die Menschen mich danach. Sicher auch mein zukünftiger Arbeitgeber. Von so etwas lasse ich mich nicht abhalten. Ich will leben, und ich lasse mir nicht vorschreiben wie ich sein soll nur damit ich in diese oder jene Schublade passe. Das ändert gar nichts an meinen sonstigen Qualifikationen.